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Wir drehen am Rad – Fahrradstadt Hagen?

In ganz Europa boomt das Fahrradfahren, Verkehrsplaner planen in Vorreiterstädten für die motorlosen Zweiradfahrer. Fahrradhändler in Hagen erzählen vom Siegeszug des E-Fahrrads – und zumindest zum Teil von steigenden Verkaufszahlen. Gefühlt sind tatsächlich mehr Radfahrer in der Stadt zu sehen als noch vor zwei oder drei Jahren. Aber die stoßen in unserer Stadt auf reichlich Hindernisse: Radwege, die willkürlich anfangen, um abrupt an einer Bordsteinkante zu enden, Radwege, die zugeparkt sind, gefährliche Spurwechsel, die nötig sind, um ans Ziel zu kommen.  Wir machen eine Bestandsaufnahme: Wie fährt Hagen Rad? Und wo fährt Hagen Rad?

Beitrag aus dem Programm

Unfallzahlen Beitrag aus dem Programm

Hindernisparcour: Fahrrad fahren in Hagen

Rad fahren in Hagen – wo es hakt…

Wir sind eine lausige Stadt für Radfahrer – sagt der ADFC, und er bezieht sich auf eine Studie, in der bundesdeutsche Städte miteinander verglichen worden sind. Ralf Schaepe hat fährt seit Jahren regelmäßig mit dem Rad durch die Stadt – und beim letzten mal ist er mit Fahrradpolizist Uli Zitzmann zusammen gefahren. Es ging um Schwachstellen.  

Die Idee

Wir treffen uns vor der Radiotür. Uli Zitzmann fährt sein solides Bergamont Citybike als Dienstfahrzeug, ich bin mit dem Moutainbike unterwegs. Wir wollen ein paar typische Schwachpunkte in der Innenstadt abfahren.  

Die Strecke

Weg eins stammt von Zitzmann: Der Remberg.  Das Problem kennt er aus eigener Anschauung, weil er die Strecke öfter fährt. Aus schlecht erkennbaren Einfahrten wollen Autofahrer auf die Straße oder etwa zum Supermarkt hinein und von dort wieder in den Verkehr. Da in Hagen wenig Rad gefahren wird, liegt das Grundrisiko darin, dass man als Autofahrer einfach gar nicht auf dem Radar hat, dass da mal ein Radfahrer kommen könnte.

Hinzu kommt, dass Mülltonnen spätestens nach der Leerung durch die Müllabfuhr auf dem Radweg herumstehen, weil sie eben dort hingestellt worden sind. Niemand käme auf die Idee, Mülltonnen auf der Straße abzustellen. Bergrunter ist die Kreuzung Bettermann in Sicht. Zitzmann: „Autofahrer haben echte Probleme, Pedelecs richtig einzuschätzen. Sie sehen aus wie normale Fahrräder, sind aber 40 km schnell.“ Auch ohne Elektrohilfe ist die Fahrradspur vor der Kreuzung knifflig. Autofahrer müssen den Radweg kreuzen, wenn sie rechts abbiegen wollen.

Weg zwei führt am Elbersufer entlang. An dessen Ende wartet ein Treppenwitz: „das ist eine ausgewiesene Fahrradroute, sagt Uli Zitzmann“, und die führt zu einer Treppe.

Noch bescheuerter als die Idee, auf einem Radweg unkommentiert eine Treppe zuzulassen ist es, dort ein bisschen Beton zu vergießen, um eine absurd schmale Rampe als Steighilfe zu erzeugen. Geht aber in Hagen.

Unvermeidbar ist Punkt Nummer 3: die Fußgängerzone, in der mir Uli Zitzmann vor ein paar Monaten schon einmal ein Knöllchen verpasst hat (er erwähnt den Vorfall freundlicherweise nicht…)

Zitzmann zeigt auf das Schild und überschlägt Pi mal Daumen, wie lange man wohl braucht, um alles, was darauf steht zu lesen. Dann rechnet er aus, wie schnell man daran vorbeigefahren ist… das ist jetzt keine Katastrophe für Radfahrer, aber ein bisschen ärgerlich ist es schon.

Punkt drei auf unserer Tour war mein Vorschlag: Die Kreuzung Augustastraße / Bergischer Ring. Auf dem Bild ist das Problem besser zu erkennen, als in Worten zu beschreiben.

Ich darf in die Einbahnstraße fahren, aber welcher rechtsabbiegende Autofahrer rechnet mit sowas? Zumindest ist die Chance groß, dass irgendwann einer dabei ist, der das nicht auf dem Radar hat. Ich fahre dort regelmäßig bei Fußgängergrün, weil ich dann nicht umgefahren werden kann. Ist verboten, sagt Zitzmann, und meint, dass man das Risiko vermindert, wenn man mit dem Rad ganz bis nach vorne an den Haltestreifen fährt. – Er räumt aber ein, dass meine Variante wahrscheinlich etwas sicherer ist.

Des Radfahrers Hölle ist ganz in der Nähe: die komplette Kreuzung Altenhagener Brücke. Vom Graf-von-Galen-Ring kommend, ist schon das Passieren der Kreuzung eine kitzlige Angelegenheit. Kompletter Unsinn ist es aber, dann auf den Radweg Richtung Altenhagener Straße zu fahren – der ist nämlich bald schon wieder zuende. Und zwar an dem Kiosk, an dem wie bestellt für diese Geschichte ein Autofahrer auf dem Radweg parkt.

Ich soll für geschätzte 200 m von der Straße auf einen Radweg, um dann wieder auf die Straße zu fahren? So etwas lässt man sich vielleicht gefallen, wenn es die Ausnahme ist. In Hagen ist es aber eher die Regel, zumal das Einfädeln in den Verkehr auch wieder nicht ohne Risiko ist.

Fährt man in umgekehrte Richtung, wird es schwerer (aber nicht unmöglich). Will man aber von der Altenhagener Straße auf den Weg hinter der Arbeitsagentur Richtung Stadt, und das auch noch ohne gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen, wird es komplett irre: Man kann sich entscheiden zwischen gefährlich (direkt auf der Straße entlang) und langsam (nahezu alle die Ampeln, die die Kreuzung zu bieten hat mit teils geschobenem Rad als Fußgänger überqueren).

Kommentarteil:

Wir haben einige große Ärgernisse noch gar nicht dokumentiert: Fahrradwege, die plötzlich an der Bordsteinkante enden. Die weitgehend sinnfreie Fahrradverkehrsführung am Vorhaller Kreisel. Überwucherte und kaputte Radwege, die eigentlich unbenutzbar sind. Aber eine endlose Auflistung der Mängel ermüdet irgendwann auch…

Und: Es sind die kleinen Ärgernisse, die die Moral erfolgreich untergraben. Als Radfahrer werde ich bei Ampelschaltungen benachteiligt, meine Radwege werden zugeparkt. Wenn Mülltonnen geleert werden, stehen die nachher auf dem Radweg herum.

Ich werde kurz vor Abzweigungen vom Auto überholt, dann biegt der Autofahrer vor mir rechts ab und bremst mich damit aus.

Fahre ich rechts auf der Fahrbahn, werde ich gefährlich knapp überholt. Genehmige ich mir mehr Platz auf der rechten Seite, um Platz zum Ausweichen zu haben, hupt garantiert irgendjemand.

Spurwechsel sind eine kriminelle Angelegenheit. Schon mal den Bergischen Ring mit dem Rad hochgefahren, um am Allgemeinen Krankenhaus links abzubiegen? Man kommt kaum auf die Linksabbiegerspur.

All das zeigt dem Radfahrer an, dass eigentlich gar nicht mit ihm geplant wird. Und darum geht es: Man kann von einer Stadt, die pleite ist nicht den großen Wurf verlangen, der Rad- und Autoverkehr miteinander in friedlicher Koexistenz vereint. Man kann aber kleinere Sachen ändern: Bordsteine absenken. Falschparkern auf Radwegen Knöllchen verpassen. Radwege pflegen. Man kann von Verkehrsplanern verlangen, dass sie verstehen, dass ein Radfahrer nicht permanent von seinem Rad absteigen will, um es über eine Kreuzung zu schieben.

Schließlich verlangt ja auch keiner, dass Autofahrer ihr Auto in die Einfahrt schieben.

Man kann verlangen, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel ernst genommen wird. Und das passiert hier eben nicht.


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